Schlafentzug für Einsteiger – Joe Lutz

2020 – Meine erste Flugsaison

Denk ich ans Fliegen in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Um ein paar wunderschöne Nachtgedanken zu Papier zu bringen, erzähle ich euch von meiner ersten Saison mit Segelflug Lizenz. Mein Jahr 2020 – so viele erste Male durfte ich erleben. Vom ersten Verlassen des Gleitbereichs auf eigene Faust, über meinen ersten Pinzgauer Spaziergang, bis hin zum ersten Flug in der Kaiserwelle mit Höhenfreigabe aus Innsbruck. So viele Erlebnisse und Erfahrungen und immer wieder wunderbares Lernen. Eine Sportlerin hat mal im Radio erzählt, welch wunderbarer Zustand es sei, ein Anfänger zu sein. Sie hat Recht behalten. Mein ganzes Leben schon bin ich ein Anfänger und freue mich immer wieder, neue Dinge kennenzulernen und beim Namen zu nennen. In Felswänden Klettern, die Kunst der Selbstverteidigung zu üben, auf dem Rücken der Pferde das Glück zu suchen, fremde Sprachen sprechen und jetzt dem Namen des Windes hinterherzujagen. Auf den Spuren meines Vaters, der sich zu Lebzeiten selbst gern in die Lüfte schwang.

So vieles möchte ich euch gern erzählen von diesem wunderbaren Jahr 2020, doch wie soll ich’s anfangen? Ein Leitfaden „Streckenflug für Einsteiger – Vom Einsteiger“. Ein bischen innovativ, handfest nachvollziehbar, pädagogisch wertvoll und didaktisch aufbereitet … vielleicht ein andermal. Aber vielleicht schaffe ich es auch, dem Stefan Selke einen Gefallen zu tun, indem ich mich dem Versuch anschließe, verlorene Worte wieder auszugraben.

Von Beginn der Segelflug Ausbildung an war der Weg für mich klar: ich werde mal Streckenflieger. Und so füllte sich mein Jahr 2020 zwischen dem ersten Wegfliegen und dem letzten Höhenflug mit zahlreichen Geschichten. Es gab lustige Rückholtouren mit fleißigen Helfern aus der Nachbarschaft inklusive Verpflegung. Schöne Flüge, köstliches Essen und Ukulele Musik auf dem Ka6 Treffen. Die Tatsache, dass mich diese Oldtimerflieger überhaupt so fröhlich aufnahmen, obwohl ich ja mit unserer Vereins-LS4 da eigentlich nicht dazu passte. Meine erste eigene echte Außenlandung auf einer grünen Wiese, die ich mir selber aussuchte zwischen Inzell und Siegsdorf. Auch meine erste Landung auf einem fremden Platz war schön. Nachdem alles bisher Bewährte an diesem Tag einfach nicht funktionierte, legte ich eine Zwischenlandung in Zell am See ein und ließ mich daraufhin eben wieder Richtung Heimat schleppen.

Tja, und dann natürlich auch noch das Leben im Verein. Oh weh, wie ich mich in Erwartung von Heulen und Zähneklappern auf das Schlimmste einstellte. Ich wurde in gewissem Maße nicht enttäuscht und trotzdem angenehm überrascht. Liebe Streckenflugeinsteiger lasst euch sagen: man wird euch am Anfang viel erzählen, drum überlegt euch gut, auf wen ihr hören wollt. „Land bloß nicht in Österreich, dich holt nämlich keiner.“

Mit so einem Spruch im Kopf fliegt es sich garnicht mal so unbeschwert. Dabei ging es um die zu dieser Zeit eingeführte Aufhebung der Ausnahme der Pflicht zur Aufgabe eines Flugplans bei Grenzübertritt für Segelflieger. Alle Klarheiten beseitigt?

Genau, wir mussten plötzlich Flugpläne aufgeben und manche verbreiteten dazu auch noch das Gerücht, man dürfe pandemiebedingt nicht außenlanden. Den Wahrheitsgehalt mal außen vor, aber das vorhin genannte Zitat nenne ich hier aus einem ganz bestimmten Grund. Nicht etwa, um einen alten Frust neu aufzukochen oder Ärger Luft zu machen. Das ist mittlerweile längst schon alles „Wasser die Ache runter“. Jedoch müssen wir alle lernen, solche Aussagen als das zu erkennen, was sie sind: eine massive Gefährdung der Flugsicherheit. Haltet euch also an die Positiven im Verein (nicht die getesteten, die anderen) und lasst euch ermutigen, eure eigenen ersten Schritte zu tun.

Ich bedanke mich bei allen lieben Menschen, die mich in diesem wunderbaren Jahr 2020 unterstützt haben und mir all diese wunderbaren Flüge ermöglichten. Ich bin um den Chiemsee geflogen, durfte mir den Traum erfüllen, in meinen geliebten Berchtesgadener Talkessel zum Watzmann zu fliegen. Mit dem alten Bremer Piratenkapitän im Duo Discus bei mysteriöser Blauthermik das Pinzgau entlang schrubbern. „Rum mit dem Bock!“ ertönte es da vom hinteren Sitz und sogar einmal „Jaaa, sehr elegant machst du das.“ Daraufhin entgegnete ich demütig „Lob mich bloß nicht zu sehr, Hans-Georg, sonst werd ich noch übermütig.“

„Denk dir nix, der nächste Anschiss kommt bestimmt.“

Herrlich. Und dann ausgehungert heimkommen und die gute Vereinsfee schaut mich an und meint „Du bist fünf Stunden mit Hans-Georg geflogen und garnicht grün im Gesicht! … Hast Hunger?“ Oh ja, den hatte ich – und gut hat’s geschmeckt, liebe Kathi.

Ich durfte nicht nur auf Strecke schöne Erlebnisse genießen – auch während der  Platzrunden war es schön. In Unterwössen gibt es ja auch regelmäßig Tagesgäste, die auf einen Gastflug vorbeischauen. Da lernst du wieder ganz schnell, dich über jede Kleinigkeit zu freuen. Ein Herr blieb mir besonders in Erinnerung, der wollte nach der Landung gar keine besondere Hilfe beim Aussteigen und auch keine Mitfahrgelegenheit, um wieder zum Start und zum Gastgarten rüberzukommen. Hinterher erfuhr ich, dass er Krebs im Endstadium hatte, inklusive garstiger Schmerzen – und nur noch ein paar Tage zu leben. Eine Freundin wollte ihm einfach nur noch einen schönen Tag schenken und so hat sie ihm den Gastflug spendiert. Das war mein erster Gastflug überhaupt und ich denk gern daran zurück.

Tja, wo fang ich an, wo hör ich auf? Vielleicht noch ein paar gute Tipps für die geneigten Einsteiger: Lernt unbedingt, euer Ego immer wieder mal beiseitezulegen. Hört gut zu. Nicht jeder alte Haudegen ist gleichzeitig ein Fuchs. Doch viele Veteranen gehören noch lange nicht zum alten Eisen. Tut euch vereinsübergreifend zusammen und genießt das Flugplatzleben. Macht euch stark für Rückholtouren, das ist es immer wert! Saugt alles auf und lernt. Streckenkilometer und Schnittgeschwindigkeiten sind nichts Unanständiges, genau wie doppelte Verneinungen. Sucht und findet eine schöne Balance aus Leistung und Spaß, die für euch persönlich passt.

Nachdem ich nun also mitten in der Nacht nicht mehr schlafen konnte, hab ich mir diese Zeilen von der Seele geschrieben. Zeit, wieder ins Bett zu gehen und weiterzufliegen und zu träumen. Ich wünsche uns allen ein schönes Jahr 2021 und always happy, sometimes maybe even lucky, landings.

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